Schreinachten [rewritten]

Weihnachten war’s. Die Menschen wandten sich einander zu, suchten und fanden Wärme und Freundlichkeit. Auch den Tieren im Walde war wohl. Sie kamen ohne Scheu ans Dorf heran, wo man ihnen schon fett aufgeschüttet hatte: Saftiges Heu und Kastanien, Bucheckern und Eicheln, sogar ein paar Nüsse hatten die Menschen ihnen überlassen. Da freuten die Tiere sich, kamen zusamen und hatten eine schöne Zeit. Nur der Wolf, der knurrige, struppige, lahme und ständig schlecht gelaunte, blieb allein und ferne. Er traute den Menschen nicht und hatte wohl seine Gründe dafür.
Nur Rotkäppchen bemerkte, dass einer bei dem Festmahl der Tiere fehlte. Und weil es gutherzig und ein wenig pessimistisch war, dachte es bei sich, dem Wolf könne ein Übel zugestoßen sein oder er wäre krank, dass er nicht käme, und wollte ihm helfen. So stahl das Kind Braten, Kuchen und Wein aus der Küche, zog sein Mäntelchen und rotes Käppchen an und machte sich auf in den Wald, ganz heimlich, still und leise, den Wolf zu finden, damit der auch sein Teil vom Festtagsschmaus bekäme.
Finster lag der Wald unter ziehenden Wolkenfetzen. Hin und wieder nur lugte ein Stern hervor oder trat ein einzelner Mondenschein in das Gehölz und warf die absonderlichsten Schatten in den Schnee. Und tiefe Stille lag dazu schwer wie eine Daunendecke auf dem Land, denn alles war ja beim Dorfe versammelt. So kam es dem Mädchen bald vor, als träume es seinen Weg und manches Mal fürchtete es sich beim schroffen verwachsenen Anblick kahler Bäume im fahlen Licht. Nicht mehr wusste sie, wie lange sie gagangen war und kannte auch bald den Weg nicht mehr. Nur weiter, suchen, finden müssen, mit kalten Füßen und blauen Händen, sie merkte es gar nicht, konnte nur an den Wolf denken, der irgendwo hier in der großen Einsamkeit zwischen den Bäumen stecken musste.
Da fiel es ihr ein: Der Wald so groß, der Gesichtskreis so klein, konnte sie ihn da überhaupt finden? Und kam sich auf ein Mal ganz verloren vor in Finsternis und Kälte, mit den schauerlichen Gestalten um sich herum. So wälzte sie im Gehen Sorgen, die einander höchst vorteilhaft waren, sich gegenseitig nährten und stützen und dem Mädchen bald über den Kopf wachsen wollten, dass es sich Luft machen musste und tat dies mit hoher klarer Stimme, wie um sich selber zur Besinnung zu bringen und Mut zu machen:

Wolf! Du großes, graues Tier
Dich zu finden bin ich hier
Ich hab Dir etwas mit gebracht
Zu bessern Dir die kalte Nacht
Doch kann ich leider gar nichts seh’n
Und weiß nicht, wohin muss ich geh’n?
Ach, Wolf! Gib doch ein Zeichen mir
Dann bin viel schneller ich bei Dir

Natürlich hatte der Wolf schon längst bemerkt, dass da etwas zwischen den Stämmen sich regte, hatte gerochen und gehört und war ihr schon eine Weile, ungesehen im Schutz der Schatten, gefolgt, wollte er doch wissen, wer sich da und warum aus der Behaglichkeit in den unwirtlichen Winter wagte. Beobachtet hatte er, streng darauf bedacht, sich nicht zu verraten, wie der kleine Mensch stur immer weiter ging, bei aller Widrigkeit der Schritt nicht zagte und die höchsten Schneewehen und das verzottetste Untergehölz nicht zur Umkehr bewegen konnten. Beschwichtigt waren seine Sorgen um eine Hinterhältigkeit nun, da er sie so halb singen halb rufen gehört hatte, denn keinen Falsch konnte er darin hören. „Was tun?“, sprach er bei sich, „Wenn das Junge nicht bald nach hause kommt, erfiert es mir hier noch.“ Und das konnte er nun gar nicht brauchen, denn was wäre wohl, wenn es zu Schaden käme? Es ging nicht anders, bedachte er sich. Wenn dieser Mensch so entschieden zu ihm wollte, musste er sich wohl zeigen. Er lief ein Stück voraus, wo er eine verborgene kleine Lichtung wusste, setzte sich mitten darauf und heulte kurz, um Rotkäppchen die Richtung zu weisen.
Die war mehr als erleichtert, nun endlich einen Hinweis zu haben, wohin sie ihre Schritte lenken sollte und fand auch bald den Platz.
„Seltsam bist Du“, sprach der Wolf das Mädchen an. „Was suchst Du mich? Was kümmere ich Dich? Fürchtet Euereins mich nicht? Hat man Dich nicht gelehrt, dass ich gefährlich bin?“
Damit hatte sie nun nicht gerechnet.
„Aber es ist Weihnachten“, fiel ihr nur ein. „Alle freuen und laben sich und nur Du warst nicht da und da dachte ich –“
„Was, denken!“, fiel der Wolf dem Kind ins Wort, „In Gefahr hast Du Dich gestürzt, Hals über Kopf.“
„Aber auch Du solltest doch etwas Gutes haben und nicht alleine hier versauern. Und wenn Du gefährlich wärst, warum redest Du dann mit mir?“
„Ihr Menschen seid auch viel zu zäh.“
„Siehst Du wohl! Da schau, was ich hier für Dich habe.“
Es kurz zu machen, kamen sie überein, an diesem Abend miteinander zu tafeln und dass der Wolf das Kind am nächsten Tag zurück bringen würde.

Doch noch jemand hatte Rotkäppchens Rufen gehört. Der Jäger nämlich hatte sich, weg vom Streit mit Weib und Mutter, aus seiner Hütte in den Wald geflüchtet, dort in Kräutern Trost zu suchen und war darin schon so weit gekommen, nicht mehr ganz genau die Pulver- und die Likörflasche auseinander halten zu können. Auf er schrak, als plötzlich das Wort „Wolf!“ durch die Nacht hallte, konnte er es erst kaum glauben, konnte er es beim zweiten Male nicht gut in den Wind schießen, zumal kurz darauf tatsächlich Wolfsgeheuel folgte. So griff er sich die Büchse mit den zwei geladenen Schuss (denn vorbereitet muss man ja immer sein) und schlug sich nicht ohne Schwierigkeiten in Richtung auf das Lärmen durch das Dickicht.
Was erblickte er, als er am Rand der Lichtung anlangte! Im durch ein sich eben auftuendes Wolkenloch strömenden vollen Mondlicht stand da ein Kind, starr vor Schrecken, wie er meinte, und ganz gemächlich, sich seiner Beute sicher, trottete das grauenhafte Tier darauf zu. Kein Denken gab es mehr, schwankend legte er an, drückte los und traf. Die Falsche. Doch schon hatte er den zweiten Abzug am Finger und da das Kind, in den Schnee gestürzt, ihm nicht mehr die Sicht störte, traf er. Wie bitter war ihm dieser Sieg. Der Pelz ruiniert, das Kind – lebte noch. Durch die Schulter war ihr die Kugel gefahren, derade hindurch, und kaum verlor sie durch die Kälte an Blut.
„Glück gehabt“, dachte der Jäger, „hat ihr wohl nur der Schmerz die Besinnung geraubt, aber das wächst wieder zu und lässt sich leicht erklären.“ Und trug das Kind nach hause.

Dort waren die Eltern schon in hellster Aufregung. Das ganze Dorf hatten sie abgesucht und waren eben im Begriff, sich selbst in den Wald schlagen zu wollen, als es an der Türe klopfte und auf den Schrecken, ihr Kind verwundet zu sehen, die Erleichterung folgte als der Jäger erzählte, wie er es vor dem Wolf, der schon nach einem Sprung über ihm gewesen, gerettet hätte. Welche Geschichte sich, da man, was Rotkäppchen zu erzählen hatte für eine Folge der Nervenerschütterung hielt, so lange erhielt, bis sie jemand einem Herrn Grimm erzählt hat. Und nur der Mond kennt die wahre Begebenheit.///

Gedanken dazu? – Wie lauten sie denn?

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