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Ich habe es letzte Woche wohl etwas übertrieben. Es ist keine gute Zeit, um den Kopf zu verlieren.
Aber je länger je mehr komme ich mir fremd im eigenen Land vor, und das liegt nicht an irgendwelchen Neuzugängen, sondern an der Geistlostigkeit der Alteingesessenen. Wenn in der Hitze der Auseinandersetzung so ziemlich alle sämtliche guten Manieren fahren lassen, halte ich das jedenfalls für kein gutes Zeichen.

Eine Drohkulisse für Leute aufzubauen, die gerade unter schwersten Entbehrungen aus einer Drohkulisse geflohen sind, ist natürlich unterste Schublade, zwischenmenschlich ekelhaft und auf einer rein technischen Ebene auch noch reiner Blödsinn – wer Probleme an der deutschen Asyl- und Flüchtlingspolitik sieht, sollte sich an diejenigen Wenden, die sie machen und nicht diejenigen belästigen, die sie lediglich durchführen oder von ihr betroffen sind.
Polizisten und Geflohene sind einfach die falschen Adressaten und statt sie anzugreifen, sollte man mit den Politikern reden. Oder ihnen schreiben . Das ist der Kern demokratischer Prozesse.
Stattdessen lieber Krieg zu spielen (weil es ja so viel aufregender ist, Action zu machen, als sich in ein ewiges hin und her an Worten zu begeben), ist nichts anderes, als eine Infantilität.

Was auf der anderen Seite aber ebenfalls gar nicht geht, ist entmenschlichende Rhetorik.
Wenn ein Ministerpräsident sich zu einer Aussage wie „Das sind keine Menschen, das sind Verbrecher“ hinreißen lässt, frage ich mich, ob er sich nicht ein neues Volk wählen sollte. Vielleicht eins auf Valium.
Here’s your problem, silly: Ein Verbrecher muss ein Mensch sein, sonst kann er nicht verbrochen haben.
Zur Einordnung: Meine Abneigung gegen diese Art der Sprache geht so weit, dass ich mich im Gespräch auch erstmal mit jemandem angelegt hatte, der die Mitglieder von Daesh („IS“) als „Bestien“ etc. bezeichnete. Promt ging es statt um Terrorismus und die Nachteile eines Gottesstaates für die nächste halbe Stunde um mich und den offenbar zweifelhaften Status meiner geistigen Gesundheit.

Um das also klarzustellen, hier ist mein Problem damit:

  1. Entmenschlichung ist Realitätsleugnung. Jemanden als Nicht-Mensch zu bezeichnen oder sonst mit entmenschlichender Rhetorik zu belegen, der offensichtlich ein Mensch ist, aber eben ein paar menschentypische Fehler gemacht hat (andere Lebensformen, die wir kennen, können diese Art Fehler gar nicht machen), bringt zwar Eines: Stärker kann man sich nicht davon distanzieren (wie wenn der Papst dem Herrn Trump das Christsein abspricht oder Terroristen von moderaten Muslimen als keine wahren Muslime bezeichnet werden), sitzt aber dem Problem des wahren Schotten auf. Es ist logisch so nicht möglich, sachlich falsch und führt oft genug dazu, das letzte bisschen Redebereitschaft bei der Gegenpartei totzutrampeln.
  2. Entmenschlichung war immer das Mittel der Wahl im Totalitären. Mit anderen Worten begibt man sich damit in die Gesellschaft von Adolf Hitler, Joseph Stalin, Mao Tse-Tung, Wilhelm Piek, Kim-Jong Un … Und da ich unter der Regierung Honecker geboren wurde, finde ich das nicht so wirklich toll, wenn diesen Knallchargen jemand nacheifert. Völlig egal, wer.
  3. Wen man nicht mehr als Menschen anerkennt, mit dem kann man machen, was man will. Da es kein Mensch mehr ist, und offensichtlich auch keine Pflanze, muss es sich um ein Tier handeln. Tiere unterteilen sich in Wild-, Nutz- und Haustiere. Und was macht man mit Tieren, wenn sie nicht brav sind?
  4. Entmenschlichung ist ein Bummerang. Fängt man einmal damit an, Personen nicht mehr als solche anzuerkennen, läuft man Gefahr, sich selbst zu unmenschlichem Handeln verleiten zu lassen. Denn „wir sind ja immerhin die Guten“, also muss alles, was wir tun, das Richtige sein. Schließlich geht es gegen diese unmenschlichen Bösen.

Man kann Taten verurteilen.
Man kann Menschen für ihre Taten verurteilen.
Aber wenn es eine Grenze des Anstandes gibt, dann hat die gefälligst für alle zu gelten. Andernfalls könnten wir unsere Dispute auch einfach mit Boxkämpfen austragen. Oder wie in der „guten alten Zeit“ mit hundertjährigen Kriegen.

Und nach all dem Gemecker ein positives Beispiel, wie man rhetorisch vernünftig auf die Vorfälle in Bautzen und Clausnitz reagieren kann:

https://feuerbringer.wordpress.com/2016/02/22/ostdeutschland-und-fremdenfeindlichkeit/

PEACE!

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