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Da ich gerade mal wieder als Datensatz an einer dieser witzigen Umfragen teilgenommen habe, mit denen einige ihre Abschlussarbeit bestreiten, indem sie sie als empirische Grundlage nehmen:

  • Sozialwissenschaftler könnten viel von Naturwissenschaftlern lernen. Und das betrifft nicht nur die Mathematik.


„Also lass sie Deine Stimme hör’n, weil jede Stimme zählt!“ (Die Ärzte) – Bildquelle: Morguefile.com

Man weiß, dass etwas schief gegangen sein muss, wenn man sich genötigt sieht, zu seinen selbst zugeschriebenen politischen Kategorisierungen eine Erklärung hinzuzufügen. Also eigentlich andauernd, weil die geläufigen Schlagworte, unbeschadet ihren eineindeutigen Zuordnungen zu ganz bestimmten Meinungs-, Interessen- und Aktionsgruppen, dennoch offen für Beideutungen sind.
Wenn man also bei der Abfrage solcher Kategorien diese nicht halbwegs konkretisiert, kann einem sowas passieren wie: „Sehr liberal und christlich-konservativ und ein bisschen nationalkonservativ“. Sieht das nach US-Rapublikanern aus? – Möglich. Wenn gewisse Präsidentschafts-Vorkandidaten sich mit „Argumenten“ ad hominem gegen ihnen unbequeme Nachfragen von Journalistinnen wehren, geht das trotzdem nicht in Ordnung.
Um es also wenigstens hier ein wenig auseinander zu dröseln und dabei vielleicht ein wenig Anregung zum Nachsinnen der je eigenen Positionen zu geben:
Das (mein) „Liberal“ fasst sich am einfachsten mit dem Grundgedanken von Thomas Morus‘ Utopia zusammen: So viel Gesetz, wie nötig, so wenig Gesetz, wie möglich, weil mehr Gesetz das Leben unnötig kompliziert macht und die Ahnungslosen unversehens zu Verbrechern machen kann, denn Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. (Und an der Stelle hört meine Übereinstimmung mit Morus übrigens auch schon wieder auf.) So weit, so einfach.
„Christlich konservativ“ ist für mich eigentlich gar keine politische Kategorie (auch wenn es Parteien gibt, die sich das auf die Fahnen geschrieben haben). Aber als Christ bin ich konservativ, indem meine Grundsätze (die reformatorischen solo/sola-Formeln) 500 Jahre alt sind. Eigentlich historischer Zufall, hat doch eigentlich jeder gute Chancen, selbst darauf zu kommen. Und eigentlich bedeutet Konservatismus, dass man das alte erhält, weil es alt ist – und das ist alles mögliche, sodass der Ausdruck eigentlich inhaltsleer ist. Meine These daher: „Den Konservatismus“ als gültigen Zug der geistigen Landschaft gibt es eigentlich gar nicht. (Außer vllt. als Sammelbegriff für Leute, die die best mögliche soziopolitische Konfiguration einer Gesellschaft für identisch mit derjenigen halten, die sie vorfanden, als sie gerade erwachsen geworden waren). Was es gibt, ist das Phänomen, dass man (jeder) bestimmte Dinge erhalten will (die Grünen haben sich mal als „wertekonservativ“ bezeichnet, remember?). Was ich also konserviere, sind (einleuchtende) Prämissen. Über die Schlussfolgerungen ist damit nichts ausgesagt.
Und zuletzt „nationalkonservativ“. Das ich mir das einmal zuschreiben würde, hätte ich auch nicht gedacht. Den wie eben erklärt von mir verwendeten Begriff von „konservativ“ vorausgesetzt, geht es dabei allerdings ganz einfach darum: nationales Recht. Ich kann mich als Laie nur bis zu einem gewissen Grad damit befassen, bevor es anfängt, genau das Leben zu stören, zu dem mir die Unternehmung dienen soll. Wenn sich verschiedene nationale Rechtsordnungen nun durch Verträge etc. verschalten, aufeinander beziehen und miteinander zu interagieren anfangen, potenziert sich der nötige Arbeitsaufwand und taucht die Frage auf: Warum stellen sich die betreffenden Territorien nicht gleich unter ein gemeinschaftliches Recht?

Aber wie soll man solche Erwägungen in einem Multiple-Choice-Fragebogen unterbringen?

Interessant war mir auch die Links/Rechts-Abfrage. Dieses Spektrum ist ohnehin zweifelhaft und eigentlich eher ein Relikt, in welchem neuere politische Erscheinungen gar nicht vorkommen können (die Grünen zB sind m.E. lediglich durch ihre Nebenanliegen halbwegs in der linken Hälfte einzuordnen; das ökologische Hauptanliegen schließt allerdings auch keine weit-rechte, weit-linke oder exakt mittige Verortung aus). Insgesamt würde ich sagen, dass ich ziemlich exakt in der Mitte stehe, weil alles andere einfach ausfällt. Hätten wir in dem Modell eine zweite oder gar dritte Dimension zur Verfügung, wäre es vielleicht exakter möglich.

However, die Studie hat die Abfrage mittels Verlgleich „gelöst“: „Im Vergleich zu den meisten Mitbürgern bin ich…“
Dieser Ansatz ist schon darum ambivalent, weil er, um aussagefähig zu sein, eine Einschätzung der politischen Orientierung der eigenen Mitbürger voraussetzt – und diese bei der Auswertung bekannt sein muss.
Relativ zur linken Seite befindet sich die Mitte rechts.
Relativ zur weit linken Seite befindet sich die Mitte weit rechts.
Wie man die politische Orientierung seiner Mitbürger einschätzt, wurde aber gar nicht abgefragt.
Dieser Wegfall der Berücksichtigung der Bezugsgröße kann ein ehrlicher Fehler sein (der dann die ganze Frage invalide macht).
Oder es war ein Trick, der Art: Wenn ich die Selbstverortung mittels Vergleich anbiete, eliminiere ich eventuelle Hemmungen, sich über eine extreme Gesinnung zu outen.
Außer, dass man nicht rechtsextrem ist, wenn man sich weit rechts neben DIE LINKE befindet.


So vermute ich, dass mein Fragebogen entweder als „Troll“ im Papierkorb landen, oder als statistischer Ausreißer unter „ferner liefen“ enden wird, weil die Labels nicht so recht mit den konkreten Aussageabfragen (pro Einwanderung etc.) zusammen zu passen scheinen.
Dass „Normal“-Bürger und -innen mit sowas nicht ohne Weiteres etwas anfangen können, ist verständlich, verzeihlich und in gewissem Maße sogar unproblematisch voraussetzbar.
Aber wenn sich jemand wissenschaftlich mit soetwas beschäftigt, sollte man schon ein paar mehr Eventualitäten und Komplexitäten einkalkulieren und den Versuchsaufbau so gestalten, dass die auch mit einbezogen werden. Und vielleicht auch ein paar mehr politische Positionen als die der „üblichen Verdächtigen“ kennen.

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