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Braden Bost, soweit ich das herausbekommen konnte aus den USA, der den von mir gestalkten Blog I Hope You Know What You’re Doing betreibt… -trieb (bin mir nicht ganz sicher), hat vor nun gut zwei Jahren den Artikel On Being an Extrovert in an Introverts-are-Victims World veröffentlicht, der mir so gut gefiel, dass ich spontan um eine Übersetzungserlaubnis bat, damit wir wenigstens in diesem einen Gruppen-Gnatz (und vielleicht das aller erste Mal in der Geschichte der Menschheit) die Sache wie erwachsene Erwachsene klären können – bevor irgendjemand mit einem Traum für seine Vision erschossen wird.


Lass‘ ma zuspitzen…danach ist die Luft besser (Bildquelle: Morguefile.com)

Introversion und Extraversion sind für manche recht empfindliche Themen und ich kann es durchaus nachvollziehen, wenn jemand, der gerade seine Introversion entdeckt hat, eine Zeit lang den Eindruck nicht los wird, die Welt hätte sich gegen ihn oder sie und ihre Mit-Introvertierten verschworen. Ist mir selbst auch passiert, aber: So wenig es sicherlich schaden kann, über das Thema zu informieren – wenn sinnvoll –, so wenig sollte man damit auch unnötig hausieren gehen und einen auf militant machen: Menschen sind unterschiedlich und meistens reicher an Facetten, als sie durchblicken lassen und in den meisten Fällen muss man sich einfach nur in einem modus vivendi treffen, um alles Notwendige reibungslos erledigen zu können – alles andere kann man im Bekanntenkreis, in Blogs, Foren etc. ausdiskutieren, wobei m.E. das Ziel sein sollte, einander zu verstehen. Mr. Bost hat dazu, finde ich, einen herausragenden Beitrag geleistet.

So, Braden, thanks a LOT and I hope, the attribution is appropriate. Here we go:

Braden Bost: Extroversion in einer Welt aus „Die Introvertierten sind die Opfer!“

Vor kurzem bin ich auf das Blog des Radiosprechers Matt Walsh aus Kentucky gestoßen. Er ist jung, meinungsstark, Christ  und recht konservativ oder liberal oder so*. Worum auch immer es geht, seine Texte lesen sich oft wie eine viel reifere und wortgewandtere Version meiner selbst. (Und es war eine interessante Mischung aus „Überaschung!“ und „Na klar“, als ich heruasfand, dass er auf der Seite von Ron Paul steht). Ich plante einen Artikel darüber, dass viele Menschen, vor allem solche ohne Kinder, sich scheinbar absichtlich weigern zu verstehen, wie Kinder ticken und was Eltern tun können, um sie zu „kontrollieren“. Er sollte auf einigen von Unwissenheit strotzenden Kommentaren basieren, die ich vor einigen Wochen in einer schiefgegangenen Auseinandersetzung auf YouTube bekommen hatte, aber jetzt werde ich ihn doch nicht schreiben, weil Matt Walsh es besser hinbekommen hat, als ich je könnte. Also lest das, kommt wieder, und dann fahren wir fort.

Also: Er hat einen Artikel über drei verschiedene Themen geschrieben. Zuerst ging es um Heimunterricht vs. öffentliche Schulen, dann um die sogenannte „Vielfalt“ in der Gesellschaft und am Schluss gab er eine Erläuterung über seine Introversion und wie es ist, in einer Welt zu leben, die er als Welt der Extrovertierten wahrnimmt. Noch so ein Thema, über das ich selber einmal schreiben wollte. Nur, dass ich diesmal seiner Position komplett entgegen stehe. Ich bin sehr extrovertiert und in den letzten zwölf Monaten oder so habe ich mehr darüber herausgefunden, was „extrovertiert“ sein wirklich bedeutet – außer der simplen Tatsache, dass man aus der Begegnung mit anderen seine Kraft schöpft. Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto seltsamer schien es mir, wie entrüstet manche „Introvertierte“ darüber klagten, wie schlecht die Gesellschaft sie behandelt und dass „Extrovertierte sie einfach nicht verstehen“. Irgendwie erinnert mich das an die Art und Weise, in der der Feminismus in unserer Kultur die Regeln für einen akzeptablen Umgang der Geschlechter miteinander aufgestellt und durchgesetzt hat – und jetzt immernoch alle Übel der Welt dem „Patriarchat“ anlastet und diejenigen Probleme ignoriert, denen sich Männer gegenübersehen. Allerdings handelt es sich dabei um einen sehr extremen Vergleich – die Intro-/Extrovertiert-Problematik regt mich weit weniger auf.

Da Walsh genau diejenigen Punkte brachte, auf die ich selbst eingehen wollte, hinterließ ich einen längeren Kommentar über und zur Verteidigung von Extrovertierten wie mir. Dafür gab es überraschend viel Lob von beiden Seiten, selbsterklärten Introvertierten wie Extrovertierten und ich finde ihn gelungen genug, um hier seine Essenz widerzugeben. Es folgt eine leicht erweiterte Version der nummerierten Punkte meines Kommentares.

Das hier geht an alle Introvertierten, die meinen, dass Extrovertierte sie nicht verstehen, dafür aber „aussaugen“ oder verwirren.

1. Wenn ich anderen begegne, will ich unbedingt, dass sie mich mögen.

Nichtbeachtung – wer krampfhaft alle Aufmerksamkeit auf sich lenkt, zeigt nicht seine Extroversion, sondern seine Unsicherheit.
Nö, ich will nur nicht das Gefühl haben, dass die anderen um mich herum meine Abwesenheit bevorzugen würden. So sehr, dass es mich tage- und in enigen sehr realen Fällen sogar jahrelang verfolgen kann, wenn ich einen schlechten Eindruck hinterlassen habe. Introvertierte können darüber womöglich sehr leicht hinweggehen und einfach sagen „Pfeif doch drauf, was andere Leute denken!“ – Spart’s Euch. Ich habe das seit der Mittelstufe zu hören bekommen und fast zwanzig Jahre meines Lebens damit verbracht, mich schlecht zu fühlen, weil ich eben nicht anders kann, als mich um anderer Leute Meinung über mich zu scheren. Sehr sogar. Ich kann das genauso wenig ignorieren, wie Ihr Euch einfach mal zusammen reißen und bedeutungslosen Small Talk lieben lernen könnt.

2. Extrovertiert ist nicht gleich Partylöwe.

Wenn es heißt, dass Extrovertierte den Umgang mit Menschen brauchen, um Kraft zu schöpfen, denken viele Introvertierte, dass Leute wie ich ihre Nächte auf überfüllten Partys bei Technomusik damit verbringen, einen Jägermeister nach dem anderen zu vernichten(1) und die Lücken mit laut-aufdringlicher überflüssig-oberflächlicher Konversation zu füllen.
Falscher geht’s nicht. Ich kann zwar nicht für alle Extrovertierten sprechen, aber ich bin qualifiziert, zu sagen, dass für diesen Extrovertierten sehr große Ansammlungen von Menschen schlimmer sind, als ganz allein zu sein. Kürzlich fuhren meine Frau und meine Tochter für eine Woche weg, während ich zu hause blieb. Es ging mir schon mies, bevor sie weg waren und ich verbrachte in paar triste Tage alleine daheim mit so gut wie überhaupt keinen Kontakten zu irgendwem. Gegen Ende der Woche machte sich sogar eine leichte Depression bemerktbar.
Glücklicherweise war in der Zeit ein gemeinsam gekochtes Abendessen im kleinen Kreis geplant, an dem ich teilnahm und mich so auf die best mögliche Weise wieder auftankte – indem ich einfach nur eine gute Zeit mit einer Handvoll Leute verbachte, die ich mag – wir haben einfach nur gegessen und uns unterhalten. Wir sprachen über Politik, Pop-Kultur, Nerd-Kultur, persönliche Geschichten und schwelgten in Erinnerungen. Hätte das selbe Treffen mit sehr vielen Leuten stattgefunden und nur oberflächliche Gespräche ermöglicht, wäre es besser für mich gewesen, zu hause zu bleiben.
Ja, ich brauche Kontakt zu anderen Menschen, um meine Reserven aufzufüllen, aber es muss schon authentisch zugehen und eine Bedeutung für mich haben.

3. Deine extrovertierten Freunde nagen irgendwie an Deiner Kraft? – Rate mal…

Es wäre mir ernsthaft eine Riesen-Hilfe gewesen, über das Intro-/Extroversion-Gedöhns bescheid zu wissen, als ich auf dem College war, weil meine besten Freunde damals zumindest teilweise introvertiert waren. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir jede freie Minute miteinander verbacht, in kleinen und großen Gruppen. Stattdessen kam es regelmäßig zu sehr unangenehmen Situationen (auch wenn es nicht ihre Absicht oder Schuld war), weil sie eine Weile Abstand von Leuten brauchten und sich ein Wochenende lang eingruben. Schön für sie, aber ich habe mich immer dann schon ausgelaugt und verlassen gefühlt, wenn dieses Thema auch nur erwähnt wurde. Uns Extrovertierten stehen eben nicht immer mal genau dann ein paar extrovertierte Freunde zur Verfügung, wenn die Introvertierten mal wieder Zeit für sich brauchen. Jetzt, als Erwachsener, verstehe ich natürlich, dass es sich dabei einfach um die Temperamente von Leuten dreht, wenn Introvertierte und Extrovertierte befreundet sind und Kompromisse ausgehandelt werden müssen, damit alle sich wohl fühlen.
Zum Punkt zu kommen: Wenn Du meinst, dass Extrovertierte Dich auslaugen, dann halte Dir vor Augen, dass das auf Gegenseitigkeit beruhen kann. (Und was ist wohl einfacher: Mehr Zeit für sich haben zu wollen, oder jemandem verständlich zu machen, dass und warum man mehr Zeit miteinander verbringen sollte?)

4. Extroversion ist nicht gleich Selbstvertrauen.

Ich war mein ganzes Leben lang kein sehr geselliger Typ und sehr schüchtern. Keine gute Kombination mit Extroversion, so viel ist wohl klar. Viele Leute, die mir nahestehen, meinen fälschlich, dass ich beliebige Begegnungen fest in der Hand hätte, weil das der Eindruck ist, den sie von mir haben, wenn ich mit ihnen zu tun habe. Und dann nerven mich Leute, die ich nicht kenne und die, wenn sie mitbekommen, wie still ich ihnen gegenüber bin, annehmen, dass ich „introvertiert sein muss und am besten in Ruhe gelassen werden sollte.“ Momentan ist das ein Problem für mich, weil meine Kirchgemeinde viel auf Geselligkeit hält und deshalb ein Akzent darauf liegt, Sonntag morgens neue Leute kennen zu lernen, statt sich vor und nach dem Gottesdienst mit seinen Freunden zu unterhalten. Allein, meine Schüchternheit (und die Angst davor, nicht gemocht zu werden oder peinlich rüberzukommen – siehe 1.) hält mich regelmäßig davon ab. Ich ärgere mich immernoch über ein paar verunglückte Gespräche von vor zehn Jahren oder so (siehe 1.) – Eine weitere Bürde (die nicht unbedingt offensichtlich ist).

5. Extrovertierte denken oft laut.

Hast Du einmal festgestellt, dass Du, um Deine schöpferischsten oder wichtigsten Ideen ausreifen zu lassen, eine Zeit lang ungestört über ihnen brüten musst?
Nun, bei mir gilt, dass ich mit meinen Ideen für Geschichten und Lieder oder mit meinem Nachdenken über soziale, theologische und politische Themen über einen gewissen Entwicklungspunkt nicht hinauskomme, wenn ich sie alleine bearbeite. Ich muss mit jemandem darüber diskutieren oder jemandem davon erzählen. Und während wir die Dinge durchgehen, sortiert sich alles für mich, ich finde Schwachstellen in der Logik und kann die Einzelheiten strukturieren.
Es gibt da eine Fantasy-Geschichte, an der ich gearbeitet habe, seit ich zwölf war, und die größten Lücken und Probleme mit dem Plot konnte ich immer dann lösen, wenn ich einem Freund von der Geschichte erzählte. Oder die Bands, in denen ich spielte: Die Ideen für die besten Songs, die ich geschrieben habe, kamen mir immer beim gemeinsamen Improvisieren – wenn wir uns musikalisch „miteinandern unterhalten“ haben. Ich war jetzt seit neun Jahren nicht mehr in einer Band und bin erst seit etwa zwei Monaten wieder in der Lage, Lieder zu schreiben. So lange habe ich gebraucht, um herauszufinden, wie man das macht, wenn man komplett auf sich gestellt ist. Ich kenne Songschreiber, die ganze Alben fertig stellen, indem sie sich für ein Wochenende in ein Zimmer einschließen – ratet mal, ob die wohl introvertiert oder extrovertiert sind.
Will sagen: Extrovertierte mit Redebedarf verschwenden vielleicht gar nicht Deine Zeit, sondern versuchen, sich Klarheit über etwas zu verschaffen. Damit will ich allerdings niemanden verteidigen, der unnötig Fremde in Beschlag nimmt. Sowas nervt bloß. Und von Fremden, die mich auf Arbeit über mein Mittagessen ausfragen, fangen wir am besten gar nicht erst an.

Zum Abschluss zu kommen: Wer meint, sich beschweren zu müssen, dass alle Welt die Introvertierten für seltsame Einzelgänger hält, sollte vielleicht ein bisschen Zeit investieren und sich fragen, ob er selbst wohl den selben Fehler macht, wie so viele andere, die Extrovertierte für seichte Labertaschen halten, welche es keinen Tag aushalten, ohne irgendeinen armen, unschuldigen Introvertierten im Café mit ihrem Energie-Vampirismus zu belästigen.
Seine Mitmenschen zu verstehen, ist schon die halbe Miete, wenn es darum geht, verstanden zu werden.

(Deutsche Fassung: Sba)

PS: Introvertiert.org hat eine ganz gute (deutsche) Infoseite über Introversion – die 92 Eigenschaften von Introvertierten würde ich hingegen mit Vorsicht genießen: Das sind statistisch gehäufte Sachen, von denen je Person aber auch keine einzige zutreffen kann; wie gesagt, Menschen sind unterschiedlich.


*) A.d.Ü.: Politisches Spektrum USA 101: Hinterm Teich ist alles anders…“Konservativ“ und nach unserem Verständnis „liberal“ fallen oft zusammen, weil der Liberalismus das ist, was man konservieren möchte, sich dann aber statt „liberal“ „libertarian“ (Teaparty(?)) nennt, während die „liberals“ eher links sind und die Nazis nur als Randgruppe eher unbekannter L/R-Orientierung vorkommen. Yay.

(1) Womit Deutschland so in der Welt Beliebtheitspunkte macht…Flüssiger Lebkuchen…könnte bitte einmal jemand mal ein gutes Bier aus meiner Umgebung (Dortmund, Hamburg, München, Polen, Tschechien) erwähnen?
[Dear Foreign Readers: If you are curious about actually tasty German drinks, I heartily recommend the following Beers: DAB (Dortmunder Actien Brauerei), Astra, Paulaner, Tyskie (Poland), Pilsner Urquell (or anything from the Czech Republic) and Faxe (from Denmark). Take care, be well aaaand take a mile or so to step away from anything related to Rostock (incl. M&O and Soccer).] Nope, I was not paid for that. It’s just tough love. [/Comments of the Interpreter]

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