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Ich habe mir ein wenig Zeit genommen, sich alles setzen zu lassen und ordentlich zu verdauen – und jetzt muss ich aufpassen, alles richtig auf Deutsch hinzubekommen. Irgendwas ist aber auch immer.

Die Rede ist vom LeFloid-Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wer es noch nicht kennt und etwas Zeit hat, oder sich den Spaß noch einmal anschauen will…*summon subject of review*:

Es war interessant, erst die Sache und dann das Medien-Echo zu beobachten. Die beiden Lager waren im Wesentlichen: A) „LAAAAHM!!“; B) „War halt sein erster Versuch, habt Verständnis!“

Oh, ich habe tatsächlich etwas verstanden, und um das verständlich zu machen, zunächst ein paar Worte zum Referenz-Rahmen:
Ich gehe in diesem Fall von einem Antagonismus zwischen Interviewer und Interviewter aus und vermute – in Verallgemeinerung des Befundes – dass dieses Muster bei Inhabern hoher politischer Ämter, und Potentaten allgemein; eigentlich bei allen, die eher etwas zu repräsentieren, als zu sagen haben, öfter auftritt, als nicht. Das Widerspiel dreht sich nicht um gut und böse, sondern einfach darum, dass beide Seiten zu unterschiedliche Interessen an der Gesprächssituation haben. Der Interviewer will (bestenfalles) durch das Interview ein paar Klarheiten schaffen, der Interviewte will durch das Interview ein ganz bestimmtes Bild von sich transportieren, wofür Klarheit nicht immer erfolgsfördernd wäre.
Dieser Rahmen ist allerdings nicht der einzig gültige oder mögliche. Die andere starke Möglichkeit ist die Kooperation, bei welcher beide Seiten das selbe Interesse haben, nämlich Informationen über das Gesprächsthema zu transportieren.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf komme ich zu folgendem Schluss:

  1. Frau Merkel hat einen herausragenden Job hingelegt. Ehrlich: Ich gratuliere!
    Sie hat es nämlich geschafft, alle Fragen so billig, so unverfänglich wie möglich zu beantworten,  ohne irgendjemanden mit größeren Differenzierungen oder längeren Begründungslinien verwirren zu müssen. Kurz: Sie hat nicht unnötig mehr Antwort gegeben, als das von der jeweiligen Frage erforderte Minimum. Damit hat sie sich der Allgemeinheit ihrer Aussagen nach ziemlich genau so verhalten, wie die meisten Menschen in einer ganz normalen Small-Talk-Situation und hierdurch gleich in zwei Richtungen Boden gut gemacht: Einerseits kommt sie nachtbarschaftlich-freundlich und bodenständig, eben wie „eine von uns“ rüber, was in einer Demokratie nie schaden kann; andererseits war der tatsächliche Informationsoutput so sparsam, dass daraus nahezu überhaupt nichts folgt – man kann ihr aus diesem Interview keinen Strick drehen (das wäre LeFloids Aufgabe gewesen) und, nunja: Für politische Gegner ist dabei auch kein Fitzelchen an verwertbarem Material (im strategischen Kontext: Informationen aus der Gegneraufklärung) herausgekommen. Im Ergebnis hat sie mit einem Minimum an Aufwand und Risiko Punkte machen können. Und nebenbei noch Werbung für das Kommunikationsprojekt zwischen Union und „junger Generation“.
  2. LeFloid, auf der anderen Seite, hat auch nicht wirklich etwas falsch gemacht, wenn man die Prämissen berücksichtigt, unter denen er unterwegs ist.
    Zu diesen gehören, erstens, dass er nicht für sich selbst da gesessen hat, sondern „im Namen“ von ein paar mehr oder weniger zufälligen Leuten, die im Vorfeld der Aktion Fragen an Frau Merkel via Twitter gepostet haben – und das waren viele, sodass einer möglichen Gründlichkeit des Nachhakens permanent der Zeitdruck der Breitenabdeckung entgegenstand. Anders gesagt: Hätte man mehr Input ignoriert, wäre für den Rest mehr Gründlichkeit machbar, das Gespräch auf einige als relevant ausgewählte Themen zuspitzbar, gewesen. Die Priorität lag aber offensichtlich woanders. Ist. Halt. So. Web 2.0 besteht aus Mitmachen und Leute, deren Beiträge ignoriert werden, könnten sich in Troll-Form ziemlich bitter rächen. Oder zumindest demotiviert sein, noch weiter mitzumachen. Mag sein, dass es Aufgabe der Politik ist, den Massen, statt ihnen blind zu gehorchen, gute Gründe für gute Lösungen anzubieten; im Internet gelten andere Regeln (so erkläre ich mir jedenfalls das Katzenvideo- und Lets-Play-Phänomen).
    Und zweitens ist das oft monierte Nicht-Nachhaken letztlich nichts anderes, als eine konsequente Anwendung des auch in den LeNews oft genug sehr deutlich spürbaren Relativismus(0), der den Westen seit spätestens den 1950er Jahren heimsucht und als einzige verbliebene moralische Regel fordert: Wenn jemand meint, dass etwas für ihn so und so sei, dann lass ihn damit in Ruhe, egal, wie hanebüchen es dir erscheinen mag. Beispiel Homo-Ehe: Wenn Frau Merkel sagt, dass für sie eine Ehe eine Lebensgemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau sei und danach der Punkt abgehakt ist, kann man die Stelle als werterelativistisches Lehrbuchbeispiel nehmen. Für einen gewissen Popcorn-Faktor sorgten dabei die eingeblendeten Twitter-Fragen, die explizit nach einer etwas besseren Begründung gefragt haben.*
    Der Preis für dieses Konsequent-sein in beiden Prämissen war allerdings, dass er sie ohne merklichen Widerstand das Spiel hat gewinnen lassen. Game Over.**

Tja, das war meine „Entdeckung“ an dem Interview. Ich halte es also schon deswegen für toll, weil es mich zu einem gewissen Erkenntnisschritt angeregt hat, namentlich, dass man politischer Macht definitiv nicht werterelativistisch begegnen sollte – tut man dies nämlich, hat man überhaupt keine Grundlage mehr, irgendetwas zu kritisieren (außer dem eigenen relativen für-anders-halten) und befindet sich möglicherweise alsbald in der Situation, die Polybios als Ochlokratie bezeichnet hat: Willkürliche Pöbelherrschaft; die in Verpaarung mit repräsentativer Demokratie bedeuten würde, über Werte per Parlamentswahl zu entscheiden und von Regierungen durchsetzen zu lassen, auf dass die jeweils nächste Regierung in ihrer Amtszeit irgendetwas anderes durchsetze, wofür es dann eben eine Mehrheit gibt (oder, sie machen es wie die Regierung Tsipras und veranstalten Plebiszite um hinterher genau dasjenige Abstimmungsergebnis zu ignorieren, für das sie selbst Werbung gemacht haben). Chaos garantiert.
Auf der anderen Seite finde ich die erwähnten eingeblendeten Fragen aber auch in sofern beruhigend, als sie zumindest indizienweise andeuten, dass der Relativismus nicht allgegenwärtig in Wirkung ist. Entweder sind weniger Menschen betroffen, als der Berufspessimist erwartet (105,7438%  der Population in vorsichtig konservativer Schätzung), oder bei den Betroffenen wenigstens nicht die ganze Zeit über, oder ein bisschen von beidem. Wobei die mittlere Variante die Frage des Doppeldenk aufwirft. Aber das ist ein anderes Thema, dieses hier möchte ich mit einer groben Skizze eines nicht-relativistischen Rahmens abschließen:

Leitfrage 1: Was ist für mich gut?

Leitfrage 2: Sind abweichende Ansichten dazu bei anderen Leuten für mich von irgendeiner Relevanz (Mischen sie sich ein? Machen sie Gesetze? Setzen sie mich unter Druck? Erklären sie mir, warum etwas anderes besser wäre?)

Leitfrage 3: Sorgt diese Relevanz dafür, dass ich in irgendeiner Weise darauf reagieren sollte (d.i.: um mich zu schützen oder mit ihrer Hilfe zu korrigieren)?

Anders gesagt, plädiere ich dafür, sich nicht unnötig in Dinge einzumischen, die einen wirklich nichts angehen, niemanden zu etwas zu zwingen, sich selbst nicht (außer durch überzeugende Gründe) zwingen zu lassen – und die ganze Angelegenheit um Himmels Willen aus der Politik herauszuhalten.


(0) Und um nach dieser Zuspitzung die Differenzierung nicht zu kurz kommen zu lassen: Das LeNews-Format besteht im Wesentlichen aus Informations-Input, einer kurzen Wertung seitens LeFloid, gefolgt von diskussionsanregenden Fragen. Soweit, so gut. Was mir dann hin und wieder sauer aufstößt, sind gewisse suggestive Formulierungen in den von ihm angebotenen Alternativen nebst Begründungsmöglichkeiten. Das könnte man offener halten (und sämtliche Didaktiker sagen: Sollte man auch).

*) Da sind einige möglich, wenn wir uns definitionstheoretisch streiten und rechtstheoretisch gibt es viele viele Dinge zu bedenken (wobei ich die interessante Beobachtung gemacht habe, dass im BGB die Ehe nicht in dieser Art definiert ist, dem reinen Gesetzestext nach müsste m.E. die Homo-Ehe also schon seit Abschaffung der Illegalität homosexueller Handlungen möglich sein).

**) … allerdings hoffe ich auf sechs Fortsetzungen, die letzte in 3D.

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