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Warnung: Dieser Artikel könnte schlecht für Ihren Schreibtisch, Ihre Zähne und Ihr Hirnvolumen sein. Netzwerkmärchen übernimmt keinerlei Haftung für Sach- bzw. Personenschäden, die aus der Lektüre evtl. entstehen.
Im Ernst: Kettenrauchen ist vermutlich gesünder, als Weiterlesen. Geht weg.

Versuche ich ihm ebent mal wieder zu rehten, dem Nivea.

Selber schuld.

Nun, möglicherweise ist etwas dran an der Sache mit dem kleinen Körnchen Gold selbst im größten Hundehaufen. Oder was auch immer eine passende Verbildlichung des Ausgleichs von Yin und Yang wäre.
Für Hobby- und nebenberufliche Soziologen gibt es jedenfalls ein neues Spielzeug. Vermutlich ist es gar nicht so neu, aber ich habe es neulich erst entdeckt, genauer gesagt: Letzte Nacht, in einem Anfall diffuser Insomnia. Statt sich mit komplexen und oft telefon- oder reisekostenintensiven Methoden der Demoskopie herumzuschlagen, kann man auch einfach bei bild.de vorbei schauen.
Dort nämlich, beim deutschen Synonym von Yellow Press (so, wie die SUN oder die NY Times) haben sie eine Stimmungsfunktion eingebaut, die das Spektrum „Lachen“, „Weinen“, „Wut“, „Staunen“ und World Of Warcraft („WOW“) abdeckt. Einziger Nachteil: Man muss die Skripte von bild.de im Browser erlauben.
Die Funktionsweise ist denkbar simpel: Unter jedem Artikel können die Leser angeben, welche Stimmung er bei ihnen ausgelöst hat – man selber kann dann im Seiten-Menü oben links gezielt auf die Ergebnisse zugreifen und Artikel aufrufen, die einen zum Lachen, zum Weinen, in Wut, zum Staunen oder in die World Of Warcraft bringen. Behauptet die dortige Redaktion jedenfalls. Aber warum sollte man wütend werden oder weinen wollen? Vor allem, wenn…

Also, meine erste Kollision mit dieser Funktion sah in etwa so aus: „Oh, ich bin gerade ein wenig sauer, also, ich habe „Wut“, liebe Bild…“ – „Artikel, die Sie wütend machen: …“ Uppsala (Iän, Schweden), ob das jetzt so hilfreich ist? Vielleicht ein Ansatz von Homöopathie? Aber mal angenommen, ich wäre gerade tief traurig, was sollte ich dann mit Artikeln anfangen, die mich noch mehr zum Weinen bringen? … Und überhaupt: Woher zum Geier nehmt Ihr Euch heraus, wissen zu wollen, was meine Stimmung irgendwie beeinflusst?

Naja, Bild erzählt ihren Lesern gerne, wie sie fühlen sollen. Kritische Deutungsmacht-Ansätze in diesem Rahmen finde ich dann sogar einigermaßen sinnvoll: In erster Linie hinsichtlich der Frage, ob sich wirklich irgendjemand seine eigene Deutungsmacht derart billig abkaufen lässt.

Aber es gibt auch ein paar Helium-Kerne in diesem β‾-Zerfall, mit denen man, eine ausreichende γ-Resistenz vorausgesetzt, ein bisschen was anstellen, ein bisschen in die allgemeine Stimmung in der Gegend schauen kann – jedenfalls, sofern sie irgendetwas mit der allgemeinen Stimmung von an emotionalen Umfragen teilnehmenden Bild-Lesern zu tun hat.
Allem voran könnte hier eine Abschlussarbeit in ernsthafter Soziologie winken (ich verspreche hiermit, das Thema selber nicht im akademischen Rahmen zu bearbeiten; wer eine Idee also interessant genug findet: Bitte, gern geschehen), etwa zu der Frage, wie sich die Stimmungsergebnisse der Population an emotionalen Umfragen teilnehmender Bild-Leser zum Stimmungsbild der Gesamtpopulation verhält? Oder die Frage, wie angemessen erstbenannte Population emotional auf Nachrichten reagiert? Oder auch, da ist dann Semantik mit drin, was die Stimmungsergebnisse stärker beeinflusst: Die Nachricht selbst, oder die Art der Präsentation?
Natürlich kann man dieses gratis und in horrendem Umfange gelieferte statistische Material auch persönlich verwenden um ein Bild der (kulturellen?) Lage zu bekommen.
Oder, man macht einen Persönlichkeitstest daraus – Wie „normal“ bin ich eigentlich?


Couldn’t resist:

Artikel zum Lachen (14.06.15, 14:00hff):

  • Russland und China knacken Snowden-Daten“ – Das ist nicht lustig, das ist bedrohlich, jedenfalls für die USA und da die BRD mit denen verbündet ist, potentiell auch für die BRD und damit für mich. Und für die Schnuckies, die das komisch finden, auch. Fällt mir ein Spruch eines ehem. Mitschülers zu ein: „Erst lachen die Leute, und dann sind sie tot.“ (MH)
  • China-Attacke auf USA. Der Gefährlichste Hack aller Zeiten?“ – Dito, nur, dass der Term „China-Attacke“ immerhin komisch wirkt, fast, wie Peking-Ente.
  • Sex-Unfall fesselt Iren zwei Monate lang ans Bett“ – Berichterstattungen aus fremden Schlafzimmern waren noch nie meine Sache. Aber vielleicht hätte er das Bett heiraten sollen?
  • 420 Nierensteine bei Tofu-Junkie entdeckt“ – Nierensteine sehen aus, wie normale Steine, die lange im Meer geschliffen wurden. Faszinierend.
  • Dabei ist sie weiss! US-Bürgerrechtlerin gab sich als Schwarze aus“ – Ich dachte, Black Painting wäre out?
  • Deutscher sprengt für ISIS – 11 Tote“ – Erstens heißt diese Organisation schon seit längerem nur noch „IS“, und wenn das, zweitens, lustig sein soll, befinde ich mich offensichtlich im Land der Psychopathen.
  • Beim G7-Gipfel. Polizisten funkten Goebbels-Zitat“ – Den habe ich tatsächlich gelesen. Lustig ist daran tatsächlich der professionelle Witz. Dass dem Betreffenden aus einer nie für die öffentliche Wahrnehmung bestimmten Unterhaltung unter Kollegen, die ihrerseits sicherlich zur Arbeitsmoral beigetragen (und davon brauchen veranstaltungsbegleitende Polizisten jede Menge), und zugleich offensichtlich keinerlei eskalierende Folgen hatte (die G7-Proteste liefen komplett gewaltfrei ab, soweit ich das mitbekommen habe), jetzt von seinen Vorgesetzten ein Strick gedreht werden soll – einem Chirurgen, der beim Zunähen scherzhaft „Und jetzt noch signieren“ oder „Wo ist meine Uhr?“ sagt, würde man das doch auch nicht antun, oder würde man? Ich will nicht in einer humorbefreiten Zone leben.

Artikel zum Weinen (dito)

  • Tomatenlaster-Crash. Straßenmeister fährt Kollegen tot“ – Tomaten sind seit je her mit Slapstick verknüpft. Die hätte man hier also wohl lieber nicht dazu erwähnen sollen. Zumal sie für die Tatsache keinerlei Rolle spielen (außer, dass sie vielleicht durch Reibungsverlust zwischen Rad und Straße den Unfall begünstigt haben). Außerdem frage ich mich immernoch, wie man jemanden „totfahren“ soll. Man kann jemanden anfahren oder überfahren, und er kann an den daraus resultierenden Verletzungen sterben. „Totfahren“ wäre nach allen Regeln deutscher Semantik ein An- oder Überfahren mit Tötungsvorsatz (so, wie Totschlag, Erschießen, Erstechen, etc.) – ach so, das ist ein Mord-Bericht…oder wie jetzt? – Wo ist die Stimmungskategorie „Verwirrung“?
  • Keine Fremdeinwirkung! Nach Partynacht mit blauen Flecken übersät“ – Alkohol: Kenn Dein Limit.
  • Tiger, Bären und Co. Raubtiere fliehen aus überschwemmtem Zoo“ – Oh, das reimt sich ja, und was sich reimt, ist gut (Pumuckl). Und wirkt schon wieder, wie eine Slapstick-Ankündigung. Oder vllt. auch wie in „Als die Tiere den Wald verließen“? Oder „Noahs Insel“? – Aus lauter Zweifeln habe ich den Artikel überflogen. Ein stinknormaler Bericht über Lage und Maßnahmen nach einer Naturkatastrophe (in Georgien übrigens). Eigentlich doch schön, dass sie die Lage wieder unter die Füße bekommen.
  • James Last… ‚Der Liebe Gott hat immer auf mich aufgepasst‚“ – Muss ja wirklich schlimm sein, unter göttlichem Schutz zu stehen.
  • Biker (26) rast in Wohnmobil – tot!“ – Was mir daran tatsächlich die Tränen in die Augen treiben könnte, ist die Unfähigkeit zu ganzen Sätzen. Abgesehen davon: Sommerzeit ist Unfallzeit. Ist bekannt. Und dass man sogar als Radfahrer eigentlich Spenderorgane auf Rädern ist, ebenfalls. Also: Legt Euch diese kleine gelbe Karte zu – und kreuzt zur Not „ich spende nichts“ an (das geht nämlich auch und muss genau so berücksichtigt werden, wie alle anderen Optionen).

Artikel für Wut (dito)

  • Tsipras kündigt brutale Einschnitte an“ – Ich könnte jetzt einen schlechten Witz über gestresste Teenager reißen. Aber ich glaube, ich appelliere lieber: Tut Euch das nicht an. Früher oder später ärgert man sich über jede Narbe, selbst die, die man ohne Absicht abbekommen hat. Ich kenne das Spiel (und mein linkes Knie tickt heute noch).
  • USA wollen an Russlands Grenzen aufrüsten“ – ERWISCHT!!! Tatsache ist: Manche Kreise in den USA wollen militärisches Material lagern. Solche Maßnahmen ersparen einem im E-Fall Transportaufwand, weil man den ja schon vorher betrieben hat. Und da es von Seiten der Russischen Föderation momentan doch schon ein klitzekleines Bisschen nach gewalttätiger Expansionspolitik aussieht, ist der Schritt sogar nachvollziehbar.
    Aber, verknüpfen wir dies mal mit den „Lachnummern“ der decodierten US-Informationen weiter oben: Da haben wir ihn, den empirischen Beleg einer anti-amerikanischen Stimmung in Deutschland.
  • „Deutscher sprengt für ISIS – 11 Tote“ – Aha…fast rehabilitiert…
  • Ausgerissen! Zirkus-Elefant tötet Spaziergänger (65)“ – … uuund wieder verpatzt. Auf wen soll man denn da wütend sein? Und warum? Es hat keinen Sinn, einen Elefanten moralisch anzuklagen. Was man hier tatsächlich einmal hätte, wäre ein valider Einwurf gegen die Verwendung von Zirkus-, Show- und Zootieren: Risiko für Unbeteiligte durch Sicherheitslücken und Unfälle. In der Kernkraft-Diskussion kam das andauernd.
  • Mysteriöser Leichenfund im Park am Spreeufer [Berlin, Treptower Park]“ – Auf (möglicherweise welche seiende aber nichts genaues weiß man noch nicht, die Polizei würde gerne ermitteln, besten Dank, dass Sie nicht im Weg stehen) Morde mit Zorn zu reagieren, ist der erste Schritt zur Selbstjustiz, wie wir sie berühmt-klischee-berüchtigter-Weise aus in den USA spielenden Westernfilmen kennen, meine lieben antiamerikanischen Heuchler.
    Oder waren die 233 „Wut“ anklickenden über die hier geschehene Umweltverschmutzung enragiert?

Artikel zum Staunen (dito)

  • Ekel-Fische regnen auf Alaska“ – Eigentlich ist das nicht sehr erstaunlich: Fische, die einem Fischregen zum Opfer fallen, tendieren dazu, tot zu sein, was wiederum zu einer Tendenz zur Verwesung führt – mit Maiglöckchenduft ist da eher nicht zu rechnen. Erstaunlich, was so alles für „erstaunlich“ durchgeht.
  • Kann der Blitz durchs Fenster kommen?“ – Wenn man einen Starkstrom-Generator oder sonst ein starkes EM-Feld dahinter aufstellt, schon. Ansonsten ist Glas eher isolierend genug.
  • Wetten, Sie trinken Ihren Kaffee falsch?“ – Ich tue ihn aus der Tasse in den Mund und schlucke ihn dann herunter. Auf diese Weise bekomme ich ihn seit Jahren und ohne Ausnahme erfolgreich in den Magen und danach (irgendwann später) in das Abwassersystem, also schätze ich mal: Nö.
  • Zehn Ideen, die das Leben erleichtern“ – Mir reicht eine: Ich höre jetzt auf.

Tja, scheinbar ist mit mir alles in Ordnung, augenscheinlich bin ich kein Bild-Leser. Auch, wenn ich für für diesen Artikel offensichtlich Bildsche Erzeugnisse gelesen haben muss, aber davon, in Berlin zu wohnen, wird man ja auch nicht zum Berliner. Jedenfalls: Kein Bild-Humor, kein Bild-Zorn, kein Bild-Staunen, und keine Bild-Trauer. Und bei World of Warcraft bin ich sowieso nicht. Was mich ein bisschen irritiert, ist die Tatsache, dass ich mich stellenweise selbst daran erinnern musste, dass das hier nicht Juliens Blog ist (übrigens scheint der „Skandal“ vorbei zu sein, das GDL-Video ist wieder einsehbar). Vermutlich lag das bloß an der Häufung von Vorlagen.

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Das war mein Senf, gibt es noch anderen? – Sollte man die am Tag 2,2 Mio. verkauften Exemplare dieser Publikation und die dazu gehörigen Leser und -innen ernst nehmen, da es ja einen nicht unbedeutenden Teil der Gesellschaft auszumachen scheint, oder ignorieren und großräumig meiden? Könnte das dort abgebildete Stimmungsbild mit dem allgemeinen Stimmungsbild übereinstimmen oder sonst eine signifikante Relation dazu aufweisen? Und, mal ehrlich, ich verurteile niemanden: Wie reagiert Ihre Stimmung auf Bild-Überschriften?

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