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An Empire Fading// Das Imperium tritt zurück

 Auf der Insel haben sie vielleicht Probleme! Da bin ich doch froh, hier gemütlich auf dem Kontinent zu sitzen.

Wussten Sie schon, dass Angehörige ethnischer Minderheiten unfähig zu Rassismus und Sexismus sein sollen (oder zumindest dann, wenn es Angehöriginnen sind)? Mag für einen unbedarften Beobachter nach einer zumindest latent rassistischen These aussehen, allein der Trick liegt in der Definition. Und am Ende hängen wir in den selben Ketten fest, von denen die Definitoren uns angeblich befreien wollten.

Theorieteil

Alltäglich kann man unter Rassismus verstehen eine Ansicht, „nach der Menschen bzw. Bevölkerungsgruppen mit bestimmten biologischen Merkmalen hinsichtlich ihrer kulturellen Leistungsfähigkeit anderen von Natur aus über- bzw. unterlegen sein sollen“ und eine „dem … entsprechende Einstellung, Denk- und Handlungsweise gegenüber Menschen bzw. Bevölkerungsgruppen mit bestimmten biologischen Merkmalen“ (aus dem Duden zu etwas halbwegs Sinnvollem  zusammen geschnitten; für Sexismus gilt mutatis mutandis das selbe) oder einfacher auch eine moralische, soziale bzw. politische Bewertung von Menschen anhand außermoralischer (-sozialer, -politischer) Kriterien (ganz frech von Ayn Rand übernommen, passt auf beides) – etwa, wie wenn man einem seit dreißig Jahren ohne Zwischenfälle praktizierenden Chirurgen misstrauen würde, weil er Linkshänder ist. Kategorienfehler.
Zu sonstigen Zwecken (wissenschaftliche sind es sicher nicht) kann man die Begriffe auch kapern und mit der Bedeutung füllen, „Rassismus und Sexismus beschreiben Priveligierungsstrukturen, welche auf Rasse und Geschlecht basieren“ (Bahar Mustafa).
Bei oberflächlicher Betrachtung sieht dies nach einer reinen Schlussfolgerung aus: Menschen bewerten Menschen nach den falschen Kriterien, behandeln sie entsprechend und wenn genug Menschen so verfahren, wird aus dem Blödsinn System. So weit, so richtig. Allerdings steckt mehr dahinter.

Der kritische Punkt ist das Privileg.
Am Anfang meines ersten Semesters hörte ich eine Rede des AStA, in der u.a. davon die rede war, dass wir alle miteinander, wie wir da saßen, „privilegiert“ seien, studieren zu können. Im ersten Moment (und noch ein paar Jahre länger) hielt ich die Ausdrucksweise für eine laudatorische. Wie in „War mir eine Ehre, unter Ihnen gedient zu haben, Ma’am“.
Gemeint war jedoch das Privileg in seiner ursprünglichen Bedeutung: Als Vorrecht und damit eine Möglichkeit, die man hat – und andere aus dem selben gesellschaftlichen Großkontext kategorisch nicht, unabhängig davon, wie sehr sie sich auf den Kopf stellen. Als es noch legale Privilegien (die des Adels) gab, waren sie tatsächlich Bestandteile des gesellschaftlichen Machtgefüges, durch welches auch über Menschen verfügt werden konnte. Deswegen wurden sie mit zunehmender Verfreiheitlichung je länger je mehr abgeschafft. Grundgedanke: Eines Menschen Geschick sollte von seinem Handeln abhängen, und nicht von den Umständen seiner Geburt.
Doch da waren dann noch Karl Marx und die Theorie des Klassenkampfes, d.i. zuerst: Die Theorie der Klassen. Diese ersetzen im Wesentlichen die zuvor gewesenen Stände und heben darauf ab, dass manche Klassen mächtiger seien, als andere, dies zur Unterdrückung ausnutzen und Menschen damit zur Verfügungsmasse der Macht machen, was sich in allen Lebensbereichen niederschlage, sodass auch Wissen und Wissenschaft nicht neutral seien, sondern vom „Klassenstandpunkt“ abhängig und, da von der herrschenden burgoisen Klasse betrieben, hauptsächlich zum Machterhalt verwendet würden. Subtext: Egal, was Du denkst, sagst oder tust: Du wirst darin immer von Deiner Klassenzugehörigkeit abhängig sein, d.h.: Von den Umständen Deiner Geburt.
„Das Privileg“ besteht damit und seit dem in der linken Theorie darin, in eine bestimmte Menschengruppe (heute vorzugsweise: weiß, männlich, heterosexuell) hineingeboren zu sein, und damit Möglichkeiten gleichsam systematisch geerbt zu haben.

Da Problem an dieser Theorie: Es gib (im Westen) keine Privilegien mehr. De facto nicht mehr, und de iure schon gar nicht. Was geblieben ist, sind private Ressentiments, die rassistischen, sexistischen oder anderen untauglichen Mustern folgen mögen, aber systematisch sanktionierte Privilegierungsstrukturen: Fehlanzeige. Das Problem ist damit ein moralisches (folge ich irgendwo solchen Mustern?) und ein kulturelles (wie verhindern wir, dass solche Muster Schaden anrichten?), kein politisches.

Anwendungsteil

Bahar Mustafa, studentische Vertreterin für Wohlfahrt und ethnische/kulturelle Vielfalt (Diversity) in London hat weiße Frauen und alle Männer von einer Vorführung des Films Dear White People ausgeladen, in dem es lt. Trailer um Probleme mit dem übrig gebliebenen Alltags-Rassismus geht. Mit anderen Worten: Angehörige der (vermeintlich homogenen) Mehrheit unerwünscht. Begründung: Es handele sich um eine Veranstaltung für BME- (Black and Minority Ethnic) Frauen. Obwohl gerade Weiße etwas dabei zu lernen haben könnten (im Ernst: Wann kommt die DVD raus?)
Naja, es ist vom Hausrecht gedeckt: Das letzte Wort über die Teilnahme an einer Veranstaltung hat der Veranstalter.
Die Universität scheint darin einen politisch unerwünschten Akt (sexistischer oder rassistischer Art) gesehen zu haben. Oder, wie der Spectator fragt: Wie es wohl gewirkt hätte, wenn die Veranstaltung „nur für Weiße (mit europäischen, russischen, australischen und nordamerikanischen Wurzeln)“ gewesen wäre?
Und statt sich auf das Hausrecht zu berufen (und damit jegliche inhaltliche Diskussion überflüssig zu machen), hat Mustafa den umdefinierten Rassismus-Begriff abgeliefert, zusammen mit der Schlussfolderung: Sie, als weibliche Angehörige einer ethnischen Minderheit, könne nicht rassistisch oder sexistisch gegenüber weißen Männern sein. Anders gesagt, genießt sie nach eigener Aussage qua Geburt das Privileg einer imprägnierten moralischen weißen Weste sobald es um ethnische bzw. Geschlechterfragen geht. Weil sie ja sonst keine Privilegien hat.
Mit dieser Argumentation wird die moralische Bewertung einer Handlung von der Handlung ab- und an die Identität des Handelnden angekoppelt. Wichtig wäre demnach nicht, was man tut, sondern wer man ist, und wer man ist, haben die Umstände der Geburt entschieden. Was „richtig“ ist, ist damit eine Frage des Klassen-, Rassen-, Gender- oder sonst eines Gruppenstandpunktes. Marx lässt grüßen.

Warum das alles relevant ist? – Weil Universitäten kulturdynamische Vorposten sind. Und, weil sich aus dem angelsächsischen Raum gerne mal kulturelle Phänomene (bugs und features) auf den alten Kontinent exportieren. Dagegen kann man sich nur durch laute und deutliche Gegenrede wehren – und dann das Beste hoffen. Also widerspreche ich (mal wieder) laut und deutlich:

Es ist egal, wo, von wem und unter welchen Umständen Du geboren wurdest. Es ist egal, welche Farbe Deine Haut hat, wie Dein 23. Chromosomenpaar aussieht, wen und wie Du liebst: Wichtig ist, was Du tust. Das Konzept dahinter heißt übrigens „Gleichberechtigung“. Wie in „alle Menschen sind frei und gleich an Rechten geboren“.


Quellen

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