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  • „Wer bist Du?“ vs. „Was willst Du?“ – Auch, wenn es erst gegen Auflösung 1 (Schatten) hin explizit aufgedeckt wird, ist die Spannung dieses Gegenübers einer der handlungstreibenden Hauptfäden über etwa 70% der Serie Babylon 5. Es entspricht dem Gegenüber von vita contemplativa (Betrachtung) und vita activa (Handlung). Da einem die erste Frage im Vorspann der fünften Staffel regelmäßig um die Ohren fliegt, hatte ich jede Menge Anstoß und Zeit, ein wenig darüber nachzudenken (will sagen: Nicht, wer ich bin, sondern was die Frage bedeutet).

  • Ergebnis: Sie ist unvollständig. Und damit unbrauchbar.
  • Begründung: Der Grund ist ein Umkehrschluss – Die Antwort auf „Was willst Du?“ wird notwendig immer auch die Antwort auf „Wer bist Du?“ beinhalten*, denn was man will, ist unauflöslich damit verbunden, wer man ist. Man will, was man will, weil man ist, wer man ist. Wollen ohne Sein ist nicht möglich. Sein ohne Jemand-Sein ist nicht möglich. – Und im Gegensatz: Die Antwort auf „Wer bist Du?“ kann auch überhaupt kein Wollen beinhalten. Es gibt Personen, die nichts wollen. Und sogar religiöse bzw. weltanschauliche Systeme (die Gelehrten streiten teilweise noch), die darauf abzielen, das Nicht-Wollen zu kultivieren**.
  • Das Problem: Neben Verstehen und Fühlen handelt es sich beim Wollen um die dritte Säule des Person-Seins, von welcher das simple „Wer bist Du?“ sehr einfach vollständig abzulenken in der Lage ist – in der Regel löst die Frage Erinnerungen an Gewesenes (Vergangenheitsbezug) und die Suche nach den eigenen Charakteristika (Gegenwartsbezug) aus, und dann ist man damit so beschäftigt, dass man den Zukunftsbezug, der eben das Wollen wäre, völlig außer Acht lässt. Dies sollte man sowohl beachten, wenn man mit solcherlei erkenntnisleitenden Fragestellungen jemanden bei seiner Entwicklung unterstützen will – wie etwa die Vorlonen oder manchmal auch ganz normale Pädagogen – als auch, wenn man etwas herausfinden will – wie etwa Personaler beim Vorstellungsgespräch.
  • Die Folgen: Wer selbst nichts will, legt sein Handeln in fremde Hände, falls er überhaupt noch handelt. In Babylon 5 ist dann auch prompt passiert, was passieren musste: Diese fremden Hände (falls Vorlonen Hände haben) griffen wacker zu und machten, was sie wollten, alles unter dem Deckmäntelchen geheimnissvoll-unverständlicher Angeblich-Weisheit und der vorgeschobenen Intention, so lange mit dem Tun zu warten, bis man genug versteht, um keinen Blödsinn anzustellen (Familiär nennt man sowas auch „überbehütende Eltern“). Da erscheint mir der Ansatz der Schatten doch glatt sympathisch: Sie fragten „Was willst Du?“ und kooperierten mit denen, deren Ziele sich mit den ihren deckten. Bloß der Sozialdarwinismus im Hintergrund war Mist.
  • Übertragung: Um auf das andere Pärchen aus vita contemplativa und vita activa zurück zu kommen – hier tun sich ähnliche Schwierigkeiten auf. Kontemplativ, rein betrachtend, kann es nur darum gehen, was man selbst – und die Welt – ist und zwar abgesehen vom Handeln. Nun ist es aber beinahe unmöglich, überhaupt nicht zu handeln – zum Meditieren muss man noch aus dem Bett steigen und Wasser und Nahrung sollten auch irgendwo her kommen. Wer sich vom Handeln vollständig abwenden will, begibt sich damit in existentielle Abhängigkeit von denen, die noch handeln (um nicht zu sagen: Existiert fortan auf Kosten der Handelnden).
    Und auf der anderen Seite ist es einfach verkehrt, anzunehmen, dass eine vita activa grundsätzlich geistlos sein müsste. Natürlich kann sie es sein, vor allem, wenn man völlig willensfrei lediglich auf Zuruf oder Anweisung springt. Merkwürdigerweise war genau das über lange Zeit ein akzeptiertes Gesellschaftsmodell: Die einen denken, die anderen führen aus. Im Rahmen arbeitsteiliger Prozesse ja verständlich, aber ein ganzes Leben daran auszurichten? Eine ganze Welt auf zwei Unvollständigen zu errichten, die ohne einander hilflos sind und alleine nichts vermögen?

Ein Gegenentwurf: Mehr Nietzsche wagen

Was willst Du? – Warum willst Du es? – Wie willst Du es erreichen?

Damit sollten wir uns kontemplativ beschäftigen. Wer wir jeweils sind, ergibt sich daraus. Was und wie die Welt ist, müssen wir dafür herausfinden. Das Ergebnis ist, nun ja: Macht. Und zwar einer Person über sich und ihr Leben.*** Das ist meine Lesart von Nietzsches „Wille zur Macht“: Streben nach Kompetenz. Spaß am Erfolg. Lernen am Scheitern.
Manchmal treten wir dabei zu anderen in Konkurrenz, und so lange diese ausschließlich auf der Kompetenz-Ebene statt findet, ist daran nichts auszusetzen: Wir stellen fest, wer in dieser Sache und Hinsicht Besseres vermag, und danach geht jeder seiner Wege.
Mit großem Abstand überwiegend werden wir dabei aber vor allem mit anderen kooperieren können: Arbeitsteilung, Unterstützung, Delegation. Wie viele Köpfe erarbeiten ein Buch – Wie viele Hände bauen ein Auto – Warum sind die Credits von Spielfilmen immer so lang: Weil Verbünde von Personen sich entweder auf einen Willen geeinigt haben oder ihre jeweiligen Eigeninteressen zumindest so koordinieren konnten, dass jeder seins bekam. Ohne, dass irgend jemand über irgendeine Klinge springen musste.


*) Lustiges Detail am Rande: John Galt (der Charakter, nicht der Schriftsteller) stellt sich in Der Streik bei seiner Radio-Ansprache als „der Mensch“ vor, „der sein Leben liebt“ (Teil III, Kapitel 8; immernoch keine Printausgabe vorhanden), mit anderen Worten: Als derjenige, der als Mensch leben will.

**) Falls sich jemand für Namen interessiert: Ich würde dort den Kadavergehorsam der Societas Jesu (Jesuiten-Orden), sowie den Zen-Buddhismus und das religiöse Yoga zuordnen, bedingt auch den Daoismus (wobei die Sache mit dem Nicht-Handeln schon wieder ganz anders aussieht, wenn man es als Regierungsdoktrin liest), gewisse Lesarten des Christentums und eventuell auch den Suffismus.

***) Meine Ansicht nach sollte es höchstens zwei Größen geben, die das Leben einer Person bestimmen: Sie selbst und die Gottheit ihres Glaubens. Atheisten können den zweiten Teil gerne streichen. Und mich dafür im Gegenzug – bitte – mit ML in Ruhe lassen.

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