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schwarzrosagold

„Verteidiger des wahren Blödsinns!“ (JBO)

Ich habe beschlossen, mich ein wenig unbeliebt zu machen. Genau jetzt, direkt nach Ostern (wünsche übrigens, frohe selbige gehabt zu haben!) – ein besserer Termin fällt mir nämlich nicht ein: Heute gibt es Gender-Knatsch.

Ursache war ein Video mit dem Titel „11 Things Guys Take For Granted“ von BuzzFeedYellow, die mit so einigen Listungen von interessant bis witzig brillieren – und mich in dem Fall tatsächlich zum Nachdenken gebracht haben. Ergebnis: Man kann den Ball auch zurück spielen. Aber um erstmal in die Materie einzusteigen:

(Ach ja: „Squatting“ ist eine Verbbildung in Anspielung auf Squats, Stoßtrupps, und deren berühmten Fastentengang – nicht, dass jemand auf die Idee kommt, ich würde hier irgendwelche Geschmack-losigkeiten verbreiten)

Anlass ist mir der Artikel „Ist Genie männlich?“ von Jens Jessen geworden. Um den kurz zusammen zu fassen: Nein, wir sind bloß alle psycho-soziologisch verkorkst.

Nasowas.

Man könnte es auch anders ausdrücken, nämlich so: „Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben“, wie nachzulesen am Anfang von Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (Zitat aus dem Gutenbergprojekt, ich kann gar nicht genug Werbung dafür machen).(0)

Schlagen wir also etwas tiefer in die Kerbe und schauen uns diese Verkorkstheit etwas genauer an.

[Disclaimer:
Man hofft zwar immer auf das Beste, aber sicher ist sicherlich sicherer:
Ich werde – teils zum Zwecke der Unterhaltung, teils zum Zwecke der Verdeutlichung – auf Übertreibungen und grobe Verallgemeinerungen zurück greifen. Grano cum salis! Und
bitte ein bisschen Erbarmen, meine lieben Dichter und Denkerinnen – wir sind hier schließlich nicht am preußischen Hof (und wer es lieber mit dem preußischen Hofprotokoll hält, lasse sich die Rückkehr zu A.  und B. Pease auf das Herzlichste anempfohlen sein – hier wird er jedenfalls wenig Erbauliches finden). Ende der Durchsage.]

13 Dinge, die Frauen für selbstverständlich halten

  1. Röcke: Das wohl genialste Kleidungsstück der Welt (Platz zwei vielleicht nur hinter der Tunika). Ob knie- oder knöchellang, man hat Platz, Luft, kann sich gut darin bewegen, kurz: Comfort in allen Lebenslagen. Trotzdem sehe ich sie an Männern nur, wenn es sich bei diesen um Schotten, Mittelaltermarktler oder Besucher bestimmter szenespezifischer Festvals handelt, selbst da nur sehr selten, und habe selber null – was am dichtesten da heran kommt, ist mein Kurzduster, den man mit viel gutem Willen und ein wenig Altertümlichkeit als „Gehrock“ bezeichnen könnte – was eine lange Jacke ist.
  2. Make-Up: Mann kann sich nichtmal einen leisen Lidstrich drauflegen, ohne von den aufmerksameren seiner Mitmenschen mindestens irritierte Blicke zu ernten. Sollte Mann gar auf die dämliche Idee kommen, auch nur eine dezente Vollmaske aufzulegen, sollte er sich besser kurz darauf auf oder vor einer Bühne befinden – und selbst das kann schief gehen (Tokyo Hotel, anyone?).
  3. Lange Haare: Niemand stellt das Recht von Frauen auf langes Haupthaar in Frage, nichteinmal bei Berufen und Tätigkeiten, bei denen von Männern aus professionellen Gründen ein Kurzhaarschnitt erwartet wird. Ansonsten müssen sie sich eben als Metaler, Hippies oder mindestens Bohemiens abstempeln lassen. Selbst die Armeen dieser Welt haben Ausnahmeregelungen für die Haartracht von Sodatinnen.
  4. Nicht hässlich sein können: Mädchen, Du kannst hundert Kilo Übergewicht haben, dazu eine Glatze und Dein Gesicht kann an eine Raumaufnahme von Io erinnern – Du wirst damit immer noch mindestens doppelt so gut aussehen, wie ein beliebiger Mann, auf den die selbe Beschreibung zutrifft. Außerdem wird es da draußen mindestens einen Menschen geben, der Dich tatsächlich attraktiv findet, sowie mindestens einen weiteren, der von Deiner Persönlichkeit so fasziniert ist, dass Du für ihn sowieso auf ewig Miss Universe bist. (Warum zum Kuckuck also eigentlich immer diese Selbstzweifel über das eigene Aussehen?)
  5. Schwachseindürfen: Wenn es einer Frau schlecht geht, bekommt sie zu hören, dass die mal Pause machen, sich um sich selbst kümmern und in aller Ruhe Kraft sammeln soll – ihr wird Trost zugesprochen und Verständnis gezeigt. Wenn es einem Mann schlecht geht, soll er sich zusammen reißen, sich nicht so (am besten noch „wie ein Mädchen“) anstellen, die Ohren steif halten – man bewirft ihn mit Durchhalteparolen
  6. In 15 Zügen rückwärts einparken: Wenn das einer Frau passiert, gilt es als normal. Wenn das einem Mann passiert, kann er nicht Auto fahren.
  7. Im Sport schlecht sein – Schulsport. Ob Sprint, Dauerlauf, Hochsprung, Weitsprung, Dreisprung, Herzsprung, Flusensieb: Womit die Jungs eine Fünf bekommen, haben die Mädchen bestanden.(1)
  8. Witze über Herren: Männer sind humortechnisch Freiwild. Aber wenn ein Mann sich erdreistet, in Hörweite einer Dame den Spieß umzudrehen, ist er ein primitiver chauvinistisch-kollonialkapitalfaschisteroider(2) Sexist.
  9. Umgang mit Kindern: Frauen dürfen Kinder mögen. Männer sollten sicherheitshalber immer ironisierend anfügen, dass diese leider so schwer im Magen liegen.
  10. Ballett: Balett und Frauen geht zusammen, wie Rotkohl und Gans. Niemand stellt es in Frage und sie haben eine verbrieftes Recht darauf, es nicht zu mögen (wenn man es von mir erwartet hätte, hätte ich es vrmtl. auch nicht gemocht), dabei aber trotzdem eine gute Figur abzugeben. Doch selbst zu den offensichtlichst nützlichen Aufwärmübungen vor einer HEMA- (Historical European Martial Arts) oder AMA- (Armed Martial Arts) Runde (Plié, Relevé, Schritt-Arm-Koordination) kann ich mir den Mund fusselig reden und darf mir dann trotzdem noch genierliche Kommentare anhören und albernes Klischee-Gefuchtel sowie lediglich halbherzige Ausführungen anschauen, bloß weil ich dummerweise irgendwann mal erwähnt habe, dass die aus dem klassischen Tanz stammen. Eleganz, meiner Herren, schadet niemandem.
  11. Sex als Nebensache: Es muss toll sein, wenn nicht irgendein fünftrangiges Subsystem permanent damit beschäftigt ist, gegen das Gehirn putschen zu wollen. Angeblich lässt das mit dem Alter nach, welches Alter damit gemeint ist, wird aber nirgends eindeutig spezifizert. Mit Blick auf Hugh Heffner muss man wohl annehmen: Frühestens sechs Monate nach der Beerdigung.
    Und sollte Mann damit nicht zu kämpfen haben (undenkbar!), tut er dennoch gut daran, hin und wieder unter Freunden eine kleine Andeutung in dieser Richtung fallen zu lassen, um nicht als verschroben zu gelten.
  12. No means no. – Wie bedauerlich unpraktisch für uns, dass Männer das Wort nicht im aktiven Vokabular haben und nur die kleine Minderheit der Eunuchen es versteht, ohne die Bedeutung per Ohrfeige, Strafprozess oder Riesenskandal in den Schädel gehämmert zu bekommen.
  13. Eindeutiges Feindbild: Männer sind Schweine, also weiß Frau immer ganz genau, vor wem sie auf der Hut zu sein hat, und wer ihre Verbündetinnen sind. Für Männer ist die strategische und taktische Lage naturgemäß ein wenig komplizierter.

Bonusrunde

Die Opferrolle:
a) historisch: Wenn das Sichwort „Kirche“ fällt, gibt es zwei Dinge, die alle ihr mit dem guten Gewissen enragierter Rechtschaffenheit sofort in ihrer Gesamtheit anlasten können, unabhängig davon, wer es denn tatsächlich verzapft hat: Die Kreuzzüge und die Hexenverbrennungen.
Um da mal ein bisschen aufzuräumen: Die Verbrennung von Hexen ist vor allem ein Phänomen der frühen Neuzeit (also nach dem Mittelalter anzutreffen) und außer der Einäscherung gab es noch eine Vielzahl anderer Corporal- und Vernichtungsstrafen für alles Mögliche, was der heutigen Justiz nichtmal mehr ein Bußgeld wert ist. Außerdem war der Vorwurf, gotteslästerlichen Umgang mit dem Bösen Feind zu haben, keiner, der nur gegen Frauen erhoben werden konnte.
b) unheimlich: Häusliche Gewalt. – „Ungefähr fünf Prozent der Befragten [Männer] haben im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt mindestens einmal eine Verletzung davongetragen. Der gleiche Anteil von Männern hat bei einer oder mehreren dieser Situationen schon einmal Angst gehabt, ernsthaft oder lebensgefährlich verletzt zu werden.“ Dies mag nach Science Fiction klingen (immerhin haben Männer keine Angst, wir haben Angst zu machen), stammt aber aus dem Bericht zur Pilotstudie „Gewalt gegen Männer“ von 2004 durch das deutsche Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, S.11 (Link zur Kurzfassung). – Zur Einordnungshilfe: Das BMFSFJ weist in der Einleitung selbst darauf hin, dass die untersuchten Probandengruppen nicht groß genug waren, um allgemeine Schlussfolgerungen zuzulassen, und dass aus „kleineren Fallzahlen (unter 10%) … sich nur schließen [lässt], dass das untersuchte Phänomen überhaupt auftritt.“ (zur Quelle)

Ich will an dieser Stelle keine Verletzlichkeiten gegeneinander ausspielen, möchte aber doch in aller Deutlichkeit auf folgenden Umstand hinweisen: Jeder, jeder, wirklich jeder Mensch kann ein_e Soziopath_in sein – diese Fähigkeit ist nicht beschränkt auf heterosexuelle weiße Männer. Und ebenso sind nicht nur Frauen in der Lage, Opfer solcher Soziopathen zu werden. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

* * *

Endspurt

Es ist nicht die Aufgabe von Satire, zu heilen, sondern, bei der Diagnose zu helfen. Meine Diagnose lautet: Wir lassen uns bisweilen viel zu sehr von schlechten Ideen einschüchtern. Wenn Unfähigkeit für manche als normal gilt, ist das nicht unbedingt ein Ansprorn, sich zu verbessern; wenn man sich von irgendetwas abhalten lässt, weil es angeblich nicht zur eigenen Identität passt, bringt man sich um gute Gelegenheiten, Qualitytime, eine Menge Spaß und schlimmstenfalls um die eigene Sicherheit. Und verstellt sich außerdem selbst den Weg zu dem Erlebnis, dass man mit einer persönlichen Identität(3) nicht geboren wird, sondern diese durch sein Handeln erst selbst erschafft. Natürlich ist nicht jeder rechtzeitig in einer – gelinde gesagt interessanten – Position gewesen, in der er lernen musste, sich im E-Fall alles egal sein zu lassen („Pfeif drauf! Ich mach das jetzt einfach.“ Auch bekannt als LMAA-Haltung oder Azud-Taktik) – aber wäre es nicht nett, wenn manche Sachen für die allgemeine Wahrnehmung wirklich egal wären? Einfach, damit auch die nicht ganz so Unzerbrechlichen, nunja, sich auszuprobieren trauen?


(0)
Nebenbei: Der Kant-Text ist von 1784. 230 Jahre und ein paar Wochen später haben wir also genau das Selbe nochmals herausgefunden. Und dies ist nichtmal gegen Herrn Jessen gerichtet, der sich im Wesentlichen auf Um- und Zustände nach Kant bezieht – es sagt nur nichts sehr Angenehmes über die Entwicklung der Aufklärung in Europa seit Kant bis heute. Aber anderes Thema. ^

(1)
Nach diesen beiden Punkten drängt sich mir folgende Frage auf: Tun wir wirklich irgendjemandem einen Gefallen damit, weniger von ihm zu erwarten, bloß weil er irgendeiner Gruppe angehört? ^

(2)
Chuck Norris weiß, was dieses Wort bedeutet. ^
(3)
Also das „Wer“, im Unterschied zur biologischen und allgemeiner der ontologischen Identität, dem „Was“. Für Detalis siehe „Oh, Alice“ [Lidell, nicht Schwarzer]. ^

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