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  • „Verzeihung, was machen Sie in Ihrer Freizeit?“ – Rauchen. – Was? Ausschließlich? Das stelle ich mir sehr eintönig vor… – Durchaus nicht. – … und ungesund … – Woher denn? – … ich meine, das Leben ist doch schon so kurz … – Alles eine Frage der Organisation. – … muss man denn da noch wissentlich ungezählte Monate, vielleicht gar Jahre hinten abschneiden? – Das spielt keine Rolle. – Also, wenn ich wüsste, dass ich morgen stürbe, also Luther soll ja gesagt haben, dass er dann heute noch einen Apfelbaum pflanzen würde. Aber ich frage Sie: Wozu? – Ich mag Bäume. – Ich habe mein ganzes Leben lang hart gearbeitet und wenn es zu Ende geht, dann will ich es auch noch mal richtig genießen. Wozu denn sonst all die Mühe? – Da kenne ich mich nicht aus. – Das Leben ist einfach viel zu kurz. Man schuftet sich Jahrzehnte lang ab und wenn man Glück hat, kann man noch ein halbes Jahr aus dem Vollen schöpfen, bevor der körperliche Verfall einsetzt. – Glück? – Bei vielen verschleißt der Körper ja schon im Arbeitsleben fast völllig. Oder sie werden von irgendwelchen Terroristen zerbombt, zerschossen oder aufgeschnitten. Wo liegt da der Sinn, frage ich Sie? Ich will das Leben einmal richtig genießen, bevor es mit mir zu Ende geht. Aus dem Vollen schöpfen eben. Wozu hat man denn sonst all die Mühe? – Verzeihung, meine Zigarettenpause ist vorbei. – Sie müssen wieder an die Arbeit, was? – Ja. Meine Freizeit besteht nur aus Zigarettenpausen. – Das stelle ich mir sehr ungesund vor. Aber vielleicht können wir uns ja mal wieder unterhalten … – Das bezweifle ich. – … wenn ich Sie in Ihrer Freizeit antreffe … – Ich befürchte … – Es war nett, mit Ihnen zu plaudern. Aber Sie müssen ja wieder an die Arbeit, was? – Ja. – Was machen Sie eigentlich beruflich? – Ich bin der Tod.///

Ich weiß gar nicht, ob das so bekannt ist, aber außer „Tabaluga oder die Reise zur Vernunft“ (nennen wir es mal „Teil 1“) gab es vor „Tabaluga und Lili“  (nennen wir es mal „Teil 3“) auch noch „Tabaluga und das Leuchtende Schweigen“ (nennen wir es mal „Teil 2“), wovon es kaum ein Titel in das Musical geschafft hat, und wo ich so darüber nachdenke, würde ich sagen: Verdienterweise.
Nach dem programmatischen Titel von Teil 1, der dann aber weniger mit Antworten brillierte und mehr einen Ansatz von „Denk mal da und da und da drüber nach“ verfolgte, legte Teil zwei eine 180°-Wende in ziemlich tiefe, ziemlich mystische Abgründe hin, deren Höhe- oder vielleicht Tiefpunkt „Der fröhliche Geselle“ darstellt, ein Versuch, das Thema „Tod“ einzuführen.
Zwar schließt es inhaltlich ungefähr an das Schnitterlied aus dem 17. Jh. an, lässt aber eine Lösung, und nebenbei auch jegliche Ernsthaftigkeit vermissen. Wo dort die Lösung und Erleichterung durch die Aussicht auf das Himmelreich durch eine Ellenlange Litanei über das allgemeine Niederangsgeschick hindurch kontrastiert verdient werden muss, wird er hier zu einer Art Harlekin mit einer kleinen Marotte und großer Macht, wobei dann noch ein gutes Stück von Nichtungsangst befallenen Existenzialismus‘ a lá Heidegger durch scheint, auch wenn mit stolzer Pose verweigert wird, irgendwelche Verunsicherungen zuzugeben.
Wer auch immer in irgendeiner Form, als Ärztin, als Pfleger, als Soldat oder als Erstherlferin an einem Unfallort mit dem Tod getanzt hat, weiß, dass es nicht nett ist und schon gar nicht lustig. Beziehungsweise: Wenn der Tod „ein lustiger Geselle“ wäre, dann wohl eher in der Art eines Baal, des Herrn der Zerstörung aus „Diablo II“, der sich über die Übermacht seiner Destruktivität amüsiert.
Gibt es irgendwelche Rückruder-Punkte dafür, dass Tabaluga ein Projekt für Kinder als Publikum ist? – Nein. Nicht, wenn bei so einem Thema eine Styroporpolster-Pädagogik herangezogen wird. Die Welt ist, wie sie ist, und jeder Versuch, sie ihnen anders zu erklären, wird sich früher oder später fürchterlich an ihnen rächen, wenn das platte Leben sie mit der Nase auf die Realität stößt.

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